Afrikanisches Abenteuer

Inzwischen war Baumwolle zu einem der wichtigsten Handelsprodukte auf dem Weltmarkt geworden. Nach Großbritannien entwickelte sich Deutschland zum zweitgrößten Importeur und Baumwollwaren stellten nun den größten Ausfuhrartikel dar. So unternahm die Leipziger Spinnerei den Versuch, sich von den Baumwollimporten unabhängig zu machen und eigene Baumwollplantagen in Deutsch-Ostafrika (heute Tansania) zu betreiben. Sie erhofften sich, einmal ihren gesamten Jahresbedarf an Baumwolle, 30.000 Ballen, aus den eigenen Plantagen bestreiten zu können. Dafür waren nach ihren Berechnungen ebenso viele Hektar Land nötig. Ein abenteuerliches Unternehmen, das im Ersten Weltkrieg ein Ende finden sollte, und nur ganz zu Anfang Erfolg zu
versprechen schien.

Die Leitung des Plantagenaufbaus übernahm der Landwirt John Booth. Der bisherige Kommissar des Kolonial-Wirtschaftlichen Komitees verfügte über Erfahrungen in Afrika. Die Landgesetzgebung sah eine schrittweise Entwicklung vor. Nach langwierigen Verhandlungen bekam die Leipziger Baumwollspinnerei vom Gouvernement ein 10.000 Hektar großes Gebiet verpachtet, zwei angrenzende Flächen wurden reserviert. Außerdem kaufte sie selbstständig eine Ginnerei (Baumwollentkernerei) in Sadani, übernahm eine 1.118 Hektar große bereits bestehende Pflanzung, und noch einmal 1.900 Hektar Land.

Bevor Baumwolle angebaut werden konnte, mussten zuerst die nicht kultivierten Ländereien großflächig urbar gemacht werden, zumeist waren es Steppengebiete mit Bäumen, Büschen und Gras. Die Bedingungen des Bodens, Klimas, die Fragen der Sorten, alles war Neuland und musste erst erforscht und ausprobiert werden. Außerdem mussten die Wasserversorgung, Straßen und Wege sowie Stellen für die Verschiffung der Baumwolle geschaffen werden. Am 12. Dezember 1908 trafen die ersten 300 Ballen eigener Baumwolle in Leipzig ein. Im darauffolgenden Jahr wurde die Anbaufläche verdreifacht, aber ein Schädling zerstörte zwei Drittel der Ernte.