From Cotton to Culture

Es war eine weitläufige, ehrwürdige, vom Alter gezeichnete Fabrik, die wir im Jahr 1994 durch Künstler wie Sandro Porcu oder Kaeseberg kennenlernten. Viel ruhiger als heute, aber doch schon mit neuem Leben erfüllt. Wir waren begeistert von der besonderen Atmosphäre des Orts und von den neu entstehenden Ateliers und Werkstätten, die sich parallel zur auslaufenden industriellen Nutzung allmählich ansiedelten. Die damalige Verwalterin Regina Lenk (heute Regina Bux), die bereits zu DDR-Zeiten in der Spinnerei gearbeitet hatte, war offen für die neuen Ideen und Bedürfnisse junger kreativer Menschen, die auf der Suche nach außergewöhnlichen, aber auch günstigen Mietflächen waren. Im Jahr 2000 wurde schließlich die letzte Produktionsstrecke geschlossen und der Kölner Voreigentümer, der die Fabrik 1993 von der Treuhand erworben hatte, bemühte sich um den Verkauf des Gesamtgeländes. Die Möglichkeit des Kaufs war eine Herausforderung, die uns unmittelbar ansprach, hatten wir doch kurz zuvor durch die Entwicklung und Sanierung des Stelzenhauses in unmittelbarer Nähe der Spinnerei bereits Erfahrungen im Quartier gemacht und das Potenzial der Gegend wahrgenommen. Zu diesem Zeitpunkt waren wir zu dritt, Florian Busse aus München (Heintz & Co.), Tillmann Sauer-Morhard aus Berlin und Bertram Schultze aus Leipzig (beide MIB AG), im Jahr 2002 kam dann Karsten Schmitz aus München als weiterer Partner hinzu.

Am 26. Juli 2001 konnten wir die Liegenschaft kaufen – eine im Wesentlichen von Intuition geleitete Entscheidung, schließlich war der überhitzte Immobilienmarkt der Nachwendezeit bereits eingebrochen. War auch ein ökonomischer Mehrwert nicht konkret abzusehen, ahnten wir trotzdem, dass in der Spinnerei ein ungeheures Potenzial steckt. Bei den inzwischen um eine Finanzierung angefragten Banken stießen wir aber mit den Schlüsselbegriffen unseres Objekts «riesige alte Fabrik – Künstler – Ostdeutschland» auf völliges Unverständnis. Für «Steinekäufer», als die man uns belächelte, gab es kein Geld.

Wir hatten ein Problem: Die Finanzierung des über hundert Jahre alten Industriekomplexes bestehend aus zwanzig Gebäuden auf einem Grundstück von annähernd zehn Hektar und einer Nutzfläche von 90.000 Quadratmetern, von der nur etwa 6.000 Quadratmeter vermietet waren, entpuppte sich als Wagnis. Wir konnten also gar keine überhasteten Entwicklungsschritte gehen, was gut war. Somit befassten wir uns erst einmal mit dem, was wir hatten. Wir hatten etwas Fantastisches: Eine authentische Fabrikstadt, die weitestgehend im Originalzustand ihrer Gestehungszeit zwischen 1884 und 1907 erhalten war, mit angegliederten Arbeiterwohnungen entlang der Thüringer Straße, einem Betriebskindergarten sowie einer Schrebergartensiedlung zwischen Spinnereistraße und Karl-Heine-Kanal. Es bestanden 2001 insgesamt sechzig Mietverhältnisse, dreißig davon mit Künstlern, andere mit Handwerkern, Ingenieuren, Bewohnern von originären Loftflächen, der Fahrradschmiede Generator und dem Kunstraum B/2. Bereits eine kritische Masse an kreativem Potenzial? Auf jeden Fall: ein eigener Kosmos. Das alles war zuvor bereits entstanden und zwar ohne bedeutende Investitionen. Wir hatten gut gekauft.

Auch die bauliche Qualität war hervorragend. Baumwollspinnereien wurden vor hundert Jahren generell massiv und nachhaltig gebaut, erstens baute man für die Ewigkeit und zweitens musste innerhalb der Produktionsstätten, damit das Garn gut lief, eine gleichbleibende Temperatur von 23°C gehalten werden. So waren Gebäude mit Vollziegelmauerwerk von über einem Meter Stärke, großen gusseisernen Kastenfenstern und Korkdämmung unter schnittlauchbewachsenen Dächern entstanden. Diese gute Substanz benötigte vergleichsweise geringe Investitionen, um neue Nutzungen zu ermöglichen, und erforderte im Betrieb auch nur niedrige Nebenkosten. Bei gleichzeitiger Wahrung des Authentischen konnten wir also zu ausgesprochen günstigen Konditionen vermieten, eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Ansiedlung von jungen Kreativen.

2002 zog der Künstler Jim Whiting mit seinem Projekt «Bimbotown», einer Erlebniswelt für Robotik-Kunst, aufs Gelände. Im selben Jahr stieß die Stiftung Federkiel zu uns, die das Ziel verfolgte, die Entwicklung des Areals auch im Sinne der bereits ansässigen Künstler mitzugestalten. Aus verschiedenen von der Stiftung initiierten Aktionen – wie unter anderem dem international besetzten Symposium «Wie Architektur sozial denken kann» – entstand die Idee, die Halle 14, das größte Gebäude der Spinnerei, innerhalb einer kommerziellen Gesamtentwicklung zu einem gemeinnützigen Zentrum für zeitgenössische Kunst zu entwickeln.

Diese Idee brachte mit sich, dass wir uns zunächst noch nicht mit der Sanierung der riesigen Halle 14 befassen mussten, und uns somit auf die verschiedenen anderen Hallen konzentrieren konnten. Wir schufen Licht, Luft und Freiflächen durch den Abbruch verschiedener DDR-Anbauten, aber auch – und das diskutierten wir lange – des historischen Kohlenbunkers und des Heizhauses sowie der Halle 8 aus dem Baujahr 1925. Damit folgten wir dem New Yorker Stadtentwicklungsprinzip des «do something». Dieses «Tu etwas» schaffte Vertrauen in unsere Entwicklungsarbeit, und im Jahr 2003 konnten wir den Computerfachhandel «Zur 48» als Mieter für die komplette Halle 9 gewinnen, ein bedeutender ökonomischer Eckpfeiler für die weitere nachhaltige Entwicklung der Spinnerei. Etwas kleiner, aber sehr wichtig für das Alltagsleben auf dem Gelände, war im selben Jahr die Ansiedlung des Café Mule. Ein Jahr später konnten wir dann die Gebäudehüllen der Hallen 3, 4, 5 und 6 sowie der Kindertagesstätte sanieren.

Während dieser ersten Jahre unserer Arbeit wuchs die Bekanntheit der sogenannten «Neuen Leipziger Schule» weiter an. Neo Rauch, einer der Pioniere bei der Spinnereibesiedlung, sowie andere wichtige Künstler aus Leipzig hatten hier ihre Ateliers und die Kunst wurde immer mehr zum identitätsstiftenden Kennzeichen für das Areal.

2004 organisierte die Stiftung Federkiel eine Reise nach New York. Der Besuch der Armory Show, der Whitney Biennial, des P.S.1, mehr noch des Dia:Beacon und des MASS MoCA in Massachusetts führte uns die unweigerliche Anziehungskraft von Kunst in ehemaligen Industriekomplexen vor. Von diesen Erlebnissen beeindruckt, organisierten wir im Sommer 2004 die erste WERKSCHAU der Spinnerei, eine Gemeinschaftsausstellung aller Künstler. Das war zu unserem 120. Geburtstag und das dazugehörige Spinnereifest war ein erster wichtiger Schritt zur Vernetzung der vielen speziellen Nutzungen.

Im selben Jahr einigten wir uns mit Judy Lybke über den neuen Standort seiner Galerie EIGEN + ART in der ehemaligen Dampfmaschinenhalle. Die Galerie Dogenhaus von Jochen Hempel bezog, gemeinsam mit der Neugründung ASPN, neue Räume bei uns, ebenso die Galerie Kleindienst und die maerzgalerie. Der bereits seit 1998 bestehende Kunstraum B/2 wandelte sich zur Produzentengalerie mit neuem Standort in der Halle 20. Uns war wichtig, Galerien in der Spinnerei zu verankern, die bereits über ausreichend Erfahrungen verfügten und ihr Geschäft auch jenseits eines möglicherweise momentanen Erfolges der Leipziger Kunst verstanden. Die außerordentliche Qualität und Atmosphäre der Ausstellungsräume sowie die günstigen Mietpreise schufen wiederum attraktive Voraussetzungen für die Galerien. Parallel dazu kontaktierten wir Wolfgang Boesner, und innerhalb weniger Wochen hatten wir mit seinem Künstlerbedarfshandel einen Vertrag geschlossen. Weiterhin mietete sich das Bau- und Farbenkontor in der ehemaligen Verladestation Halle 23 ein.

Am 1. Mai 2005 eröffneten die Galerien gemeinsam ihre neuen Räumlichkeiten mit einem fulminanten Rundgangswochenende, an dem weit über 10.000 Gäste die Spinnerei besuchten. Von einem Tag zum anderen wurden wir in Leipzig ein Besucherstandort für kunstinteressierte Reisende aus aller Welt. Wir haben diese Entwicklung bis heute weiter ausgebaut und kontinuierlich gepflegt und schaffen dabei den ungewöhnlichen Spagat zwischen Heimatbildung und Besucherstandort. Keine andere uns bekannte «Kunstfabrik» bewältigt eine solche Gratwanderung – entweder handelt es sich andernorts um abgeschlossene Atelierhäuser ohne Angebot an die Öffentlichkeit, oder es sind reine Besucherstandorte, die sich einzig auf das Ausstellen konzentrieren. Die Spinnerei ist beides, ein Arbeitsort und ein Areal mit einem enormen Angebot an die Öffentlichkeit. Besucher können sich einen ganzen Tag hervorragende Ausstellungen in faszinierenden Räumen ansehen, ohne einen einzigen Cent Eintrittsgeld bezahlen zu müssen.

Die zunehmende internationale Bekanntheit der Spinnerei sowie persönliche Freundschaften der bereits ansässigen Galerien Dogenhaus und EIGEN + ART brachten die Galerie Pierogi aus Brooklyn und die Galerie Fred aus London in die Spinnerei. Für uns sehr schmeichelhaft, betitelte der Guardian dann am 1. Februar 2007 die Spinnerei mit «The hottest place on Earth». Aber auch Ausstellungen wie «Imperium» der Galeria Hilario Galguera mit mexikanischer und internationaler Kunst oder «TERRA NULLIUS» mit australischer Gegenwartskunst in der HALLE 14 zeigen, in welche Richtungen unsere Kooperationen gehen. Darüber hinaus haben sich hier zudem nichtkünstlerische Nutzungen wie das Klavierhaus Fiech mit Steinway & Sons, ein Weinkontor, die Firma Epak für intelligente Antennenanlagen und andere spannende Unternehmungen angesiedelt.

Anlässlich einer temporären Nutzung der ehemaligen Nadelsetzerei Halle 12 durch den englischen Künstler Darren Almond konnten die Hülle und das verglaste Dach dieses Gebäudes mit Oberlicht saniert und die Halle als besonders spektakulärer Raum auch für zukünftige Ausstellungen etabliert werden. Seit der Sanierung der Halle 18 in den Jahren 2007/08 und deren Vermietung an Druckereien, Kunstlager, Call Center, Jugendtheater und Künstler haben wir mittlerweile etwa 50.000 Quadratmeter der Spinnerei revitalisiert und vermietet. Der 50 Meter hohe Schornstein – ein weithin sichtbares Wahrzeichen der Liegenschaft – konnte mit Hilfe von öffentlichen Denkmalmitteln erhalten werden. Die Halle 14 ist für weitere 15 Jahre dem Gemeinnutz gewidmet und wird inzwischen vom HALLE 14 e. V. betrieben und bespielt. Mit der Columbus Art Foundation und der Hochschule für Grafik und Buchkunst konnten hier wichtige zusätzliche Partner gefunden werden.

Größere Leerstände befinden sich heute insbesondere noch in der Halle 7. Diese noch unsanierte Halle sowie die gerade erst wieder arrondierten Arbeiterwohnhäuser an der Thüringer Straße werden unsere Arbeit der nächsten Jahre bestimmen. Auch bei diesen Gebäuden soll es eine gesunde Mischung aus Kunst und anderen Nutzungen geben. Hier werden wir ebenso auf potenzielle, für die Spinnerei zu gewinnende Nutzer zugehen, um gemeinsam mit ihnen die Entwicklung des Areals in die Zukunft zu tragen.

Das Abenteuer, das wir 2001 mit dem Kauf des Areals begonnen haben, entsprang bei Weitem nicht allein unserer Intuition und Erfahrung, sondern auch einer gehörigen Portion Euphorie und Enthusiasmus.

Auf alle Fälle aber wäre die Entwicklung der letzten Jahre niemals möglich gewesen ohne die Mieter und Förderer, die immer an uns geglaubt haben. An dieser Stelle möchten wir Ihnen allen herzlich danken, insbesondere auch den öffentlichen Fördermittelgebern der Stadt Leipzig, des Freistaates Sachsen und des Bundes. Wir freuen uns auf die weitere gemeinsame Zukunft in der Spinnerei und sind uns sicher, dass die Entwicklungen in diesen einst für die Ewigkeit gebauten Hallen noch sehr lange lebendig und spannend bleiben werden.

Was Mieter, Nutzer und Fördermittelgeber gemeinsam mit uns in den letzten Jahren in der Spinnerei entwickelt haben, möchten wir Ihnen mit diesem Report gerne zeigen. Blicken Sie hinter die Kulissen in die Künstlerateliers, Werkstätten sowie in die vielfältigen Arbeits- und Ausstellungsräume. Wir wünschen Ihnen dabei viel Vergnügen.

Dr. Florian Busse, Tillmann Sauer-Morhard,

Karsten Schmitz, Bertram Schultze