Nachkriegsjahre und VEB

Nach wenigen Wochen amerikanischer Verwaltung begann am 1. Juli 1945 die sowjetische Besatzungszeit. Gebäude und Maschinen der Spinnerei waren während des Krieges nur leicht beschädigt worden, aber die an die Sowjetunion zu zahlenden Reparationskosten schwächten den Betrieb in seinen Grundfesten, da vor allem die großen und leistungsfähigen Maschinen abgebaut wurden. Von März bis Mai 1946 wurde die Hälfte aller Maschinen demontiert.

Im Sommer 1946 ging die Spinnerei in den Besitz des Bundeslandes Sachsen über und wurde zum Volkseigenen Betrieb. Aufgrund der großen Lebensmittelnot kam die Produktion nur langsam wieder in Gang. Die von der SED ausgerufene zynische Parole «Erst mehr arbeiten – dann mehr essen» konnte die Menschen nicht daran hindern, in den Dörfern des Umlands ihre Sachen gegen Lebensmittel einzutauschen. Der Wiederaufbau sozialer Einrichtungen, wie einer Betriebsküche, einer Konsum-Betriebsfiliale sowie eines Ferienheims und die bessere Versorgung mit Lebensmitteln ermöglichten erst die Wiederaufnahme der stetigen Produktion.

Das Ringen um die Steigerung der Produktivität und um Übererfüllung des Plans war in einem Betrieb, der zu etwa 80 Prozent Frauen beschäftigte, darauf angewiesen, dass diese neben ihrer Berufstätigkeit auch die Familien versorgen konnten bzw. versorgt wussten. Zu den wesentlichen Entwicklungen gehörten deswegen auch die Einrichtung eines Kinderwochenheims sowie einer Kinderwochenkrippe, in denen die Kinder seit 1954 während der Woche komplett untergebracht waren. Frauen sollten in ihren traditionellen Arbeiten entlastet werden, neben der Kinderbetreuung gab es Werksessen, Einkaufsmöglichkeiten und Dienstleistungen für den Haushalt.

Aber die Arbeitsbedingungen waren hart. Die Frauen waren viel in gebückter Haltung tätig, um die Fäden wieder anzuknüpfen, die Maschinen waren sehr laut, die Luft stickig, staubig und heiß und der Tag war sehr anstrengend und monoton.

Die Spinnerei war vor allem für die erste Generation der Nachkriegszeit als prägender, integrierender, sozialer Ort weit über eine reine Arbeits- und Erwerbsstelle hinaus von Bedeutung, sie war eine gesellschaftspolitische Institution. Neben der Arbeit, die soziale Absicherung und Selbstständigkeit bot, umfasste sie auch die Freizeit und kulturelle Angebote und bezog dabei die ganze Familie mit ein. Vielen bot sie die Möglichkeit der beruflichen Weiterqualifizierung oder des Aufstiegs – wenn auch unter ideologischen Bedingungen wie des Parteieintritts in die SED.