Zwischen Jahrhundertwende und Zweitem Weltkrieg

Der Baumwollhandel der 1910er Jahre war geprägt von heftigen internationalen Konkurrenzkämpfen. Etwa 2.000 Menschen arbeiteten bei Kriegsbeginn in der Spinnerei, als die Rohstoffversorgung fast völlig zusammenbrach. Zeitweise wurden sogar Papiergarne gefertigt. Eine komplette Stilllegung der Produktion konnte durch Arbeiterproteste verhindert werden, wenigstens 30.000 Spindeln liefen weiter. Seit dem Jahr 1917 wurden Granaten-Drehereien eingerichtet, die leichte Sprengminen produzierten. Gleichzeitig wurde für die Einführung des 8-Stunden-Tags gestreikt.

Nach dem Krieg konnte Baumwolle nur allmählich und zu stark erhöhten Preisen (das 50- bis 80fache) eingeführt werden. Trotz zunehmendem Geldverfall während der Inflationsjahre und politischer Streiks liefen die Maschinen wieder an. Aber die Zahlen hatten jede Verhältnismäßigkeit verloren. Im Februar 1923 kostete ein Kilogramm ägyptische Baumwolle das 10.600fache gegenüber 1914, der Lohn eines Spinners betrug 2.170 Mal soviel wie zehn Jahre zuvor.

Rekordernten der Jahre 1925 und 1926 warfen soviel Baumwolle auf den Markt, dass diese nicht mehr verarbeitet werden konnte. Schwankende Produktion und rückläufige Konjunktur verstärkten die unsichere Wirtschaftslage. Anfang der 1930er Jahre spitzte sich die Situation weiter zu, Lohnkürzungen waren nur eine der Folgen am letzten Ende der Kette. Die KPD hatte schon in den 1920er Jahren dazu aufgerufen, in allen Betrieben geheime Betriebszellen zu gründen, und in der Spinnerei wurde die illegale Betriebszeitung «Die Rote Spinne» herausgegeben. Einen Streik der Spinnereiarbeiter für höhere Löhne im November 1931 und den damit verbundenen Stillstand der Maschinen beendete die Direktion dann mit der fristlosen Entlassung aller Leute.

Unter den Nationalsozialisten wurde der nationale Aufschwung propagiert, Garne für Militäruniformen hatten Konjunktur, die Produktion wurde gesteigert. Für die Arbeiterinnen – inzwischen waren etwa zwei Drittel der Belegschaft Frauen – wurden Wohnungen mit Bad und elektrischen Herden gebaut, und es wurden vielfältige Familienbeihilfen (Wäschepakete, Bargeld, Milch, Kuraufenthalte etc.) geschaffen. Die andere Seite dieser «national-sozialen» Medaille waren schwarze Listen gegen unliebsame Gegner der Diktatur, gegenseitige Kontrollen sowie «Säuberungen» des Betriebs von KPD- und SPD-Mitgliedern.

Die Leipziger Baumwollspinnerei hatte es zwar abgelehnt, KZ-Häftlinge in die Produktion aufzunehmen, bekam aber 500 ausländische Zwangsarbeiterinnen zugewiesen. Für diese wurden im Erdgeschoss der 1. Spinnerei Küchen, Wasch-, Schlaf- und Aufenthaltsräume geschaffen. Für die Zurückweisung der KZ-Häftlinge war möglicherweise Aufsichtsrat Walter Cramer ausschlaggebend, der sich im Kreis um Leipzigs ehemaligen Bürgermeister Dr. Carl Goerdeler am zivilen Widerstand gegen die Nationalsozialisten beteiligt hatte. Nach dem gescheiterten Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 ist Cramer verhaftet und hingerichtet worden.